Dokumentation 85/02


Einführung


STÄDTEBAULICHE PLANUNG IN SÜDDEUTSCHLAND:
DER STÄDTEBAULICHE GESAMTZUSAMMENHANG IM PLANUNGSPROZESS

- Kritische Dokumentation 85/02 -

Vorbemerkung
Die im Rahmen dieser Arbeit vorgestellten Untersuchungen und Darstellungen sind nicht als eine auf sich selbst bezogene wissenschaftliche Studie zu verstehen, sondern sollen - über sich selbst hinausweisend - eine Diskussion über Qualität und Effektivität städtebaulicher Planung auslösen und dazu beitragen, daß in diesem Bereich für die Entscheidungsfindung noch bessere, quasi wissenschaftliche, also überprüfbare Methoden entwickelt werden. Dafür werden die Ergebnisse von mehr als 30 in den Jahren nach 1985 in Bayern durchgeführten städtebaulichen Ideenwettbewerben untersucht. - Gleichzeitig könnten diese Betrachtungen auch helfen die Lücke zu schließen zwischen den in der Fachliteratur veröffentlichten theoretischen Abhandlungen, Thesen und Postulaten (s.u. Teil F Literatur, mehr als 380 Beiträge zum Thema) und der realen Planungspraxis.

A1   THEMA UND ANLASS

A1.1 Der städtebauliche Gesamtzusammenhang

Nach der grauenvollen Vernichtung ganzer Stadtlandschaften im 2. Weltkrieg und den bekannten Verlusten an städtebaulicher Substanz in der Wiederaufbauphase dürfte es heute eine anerkannt wichtige Aufgabe der städtebaulichen Planung sein, auf der einen Seite unnötige Zerstörung vorhandener, sinnvoller Strukturen - etwa durch das Ignorieren überlieferter städtebaulicher Systeme und struktureller Zusammenhänge - zu vermeiden bzw. zu verhindern, auf der anderen Seite sinnvolle Strukturen zu schaffen, falls sie nicht mehr oder noch nicht vorhanden sind. Diese Aufgabe kann von der städtebaulichen Planung aber nur ausreichend erfüllt werden, wenn der jeweilige „Städtebauliche Gesamtzusammenhang“ analysiert und bei der Planung berücksichtigt wird. Diese Forderung ist nicht als Selbstzweck zu verstehen, sondern es geht um die Bewahrung bzw. Verbesserung der Verständlichkeit von „Stadt“ - mit allen Konsequenzen insbesondere in bezug auf die Möglichkeiten der Orientierung in bzw. der Identifizierung mit dem Stadtsystem.

A1.2 Der städtebauliche Ideenwettbewerb

Um die Bedeutung herauszustellen, die der städtebauliche Gesamtzusammenhang und seine Beachtung im Planungsprozeß einzunehmen hätte, wird hier aus zwei Gründen die Institution „Städtebaulicher Ideenwettbewerb“ zu Rate gezogen: Zum einen sind Informationen zu diesen Verfahren - im Vergleich mit Entscheidungen, die in Planungsämtern getroffen werden - der Öffentlichkeit eher zugänglich via Ausschreibung, Protokoll, Ausstellung. Zum anderen sind ja an diesem Verfahren gemäß seiner Intention - der Planungswettbewerb ist quasi als die „hohe Schule“ der städtebaulichen Planung zu betrachten - als Teilnehmer und als Preisrichter die versiertesten Fachleute beteiligt, eben die Planer-Elite. So soll hier exemplarisch anhand von 36 in den Jahren 1985 bis 2002 vorwiegend in Kleinstädten durchgeführten und mit nicht allzu großem Arbeitsaufwand zu bewältigenden Planungsaufgaben aufgezeigt werden, welcher Stellenwert jeweils dem städtebaulichen Gesamtzusammenhang eingeräumt wird und welche Auswirkungen auf das Wettbewerbsergebnis sich schließlich dadurch ergeben. Die jeweilige Planungsproblematik wird analysiert und es wird/werden dann einer oder mehrere der vom Preisgericht auf die ersten drei Ränge jurierten Planungsvorschläge dargestellt und in bezug auf die Berücksichtigung des städtebaulichen Gesamtzusammenhangs und damit der übergeordneten städtebaulichen Probleme und der jeweils wichtigsten städtebaulichen Fragen untersucht. - Eine effektivere Methode, die Planungskultur auf den Prüfstand zu stellen und damit den immer öfter geforderten Diskurs über diese Materie in Gang zu bringen, dürfte kaum zu finden sein.

A1.3 Die zentrale These und ihre formale Absicherung

Die zentrale These dieser Dokumentation - auch als unverzichtbare Prämisse für jede Art der Reflexion über städtebauliche Planung zu verstehen - lautet also:
Die qualifizierte Bearbeitung städtebaulicher Planungsaufgaben sollte den jeweiligen STÄDTEBAULICHEN GESAMTZUSAMMENHANG analysieren und die sich daraus ergebenden zentralen Fragen bei der Planung berücksichtigen. - Die nur isolierte Betrachtung und Bearbeitung des eigentlichen gegebenen engeren Planungsbereiches kann zu Fehlentscheidungen führen.
Diese These dürfte unstrittig sein, ihre einzelnen Komponenten können - wenn Prinzipien wie Plausibilität und Konsensfähigkeit akzeptiert werden - als von subjektiver Willkür unabhängige Daten behandelt werden:
- Die formale Forderung, städtebauliche Planung nur unter Berücksichtigung des jeweiligen Gesamtzusammenhangs zu betreiben, dürfte kaum in Frage zu stellen sein; es lassen sich keine sinnvollen Argumente finden, die dagegen sprechen.
- Was generell und was speziell in jedem Einzelfall als städtebaulicher Gesamtzusammenhang zu betrachten wäre, ist nicht der Willkür unterworfen, es wird sich dazu ein Konsens herstellen lassen.
- Die Formulierung der sich aus diesem Gesamtzusammenhang ergebenden Schlüsselfragen folgt einer weitgehend verbindlichen städtebaulichen Logik.
- Die Frage, ob und inwieweit bei den hier dargestellten Wettbewerbsverfahren der jeweilige städtebauliche Gesamtzusammenhang diskutiert und/oder berücksichtigt wurde, kann anhand der Protokolle und der Pläne zu den prämierten Planungsvorschlägen überprüft werden.

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