Leserbrief vom 20.09.2006 an "Deutsches Architektenblatt"

erschienen in Heft 12/2006 in von der Redaktion abgeänderter und gekürzter Form

BEZUG:         DAB 9 /2006 - Thema Zwischenstadt: „Stadtregion als Lebensraum“

Es scheint fast so, als sei mit der Kategorie „Zwischenstadt“ ein überzeugend professionell klingendes Etikett gefunden für einen traurigen Abgesang: Die Absage an eine aktive, vorausschauende, einem städtebaulichen Gesamtkonzept verpflichtete Stadtplanung.

Wenn hier festgestellt wird, „ ... dass die Zwischenstadt ein legitimes und gesundes Kind der europäischen Stadt ist“ (Zitat), so sei doch angemerkt, dass dieses Kind sich als wenig folgsam erweist; denn die Ideale und Tugenden der „Eltern“ werden im Prinzip konterkariert oder besitzen nur noch zweitrangige Bedeutung. Einige dieser Tugenden in Stichworten: Eine erkennbare und verständliche - oft hierarchische oder als Raster organisierte - Gesamtstruktur, welche Identität ermöglicht und Orientierung erleichtert; die Vernetzung durch ein Beziehungsgeflecht wichtiger sozialrelevanter Einrichtungen, wodurch den Strukturen auch ein ideeller Sinn verliehen werden kann; ein urbaner, Zusammenhang herstellender öffentlicher Raum mit Aufenthaltsqualität, der zumindest die „hardware“ für möglicherweise sich entwickelnde öffentliche, soziale Aktivitäten anbietet; ein spannungsvolles Gegenüber von urban bebauten Flächen und dem Landschaftsraum, um so dem - wenigstens bisher - negativ sanktionierten Phänomen „Zersiedlung“ entgegenzuwirken, welches ja mit großem Flächenverbrauch, hohem Verkehrsaufkommen, schlechter Infrastrukturausnutzung verbunden ist.

„Zwischenstadt“ entsteht in der Regel ohne Berücksichtigung derartiger Tugenden; denn das Kapital sucht sich - befördert auch durch die kommunale Planungshoheit - seine Standorte vor allem nach den Kriterien: Verfügbarkeit von Flächen / Bodenpreise / Steuersätze / Anbindung an Infrastrukturen / Kunden- bzw. Arbeitskräfteangebot - ohne Rücksicht auf einen städtebaulichen Gesamtzusammenhang. Die städtebauliche Sinnfindung soll dann der Nutzer selbst leisten: „Die Bewohner der Zwischenstadt müssen sich ihren persönlichen Raum in diesem unübersichtlichen Gebilde über praktische Aneignung und symbolische, wertschätzende Wahrnehmung selber ´konstruieren´“ (Zitat). Wenn in diesem Zusammenhang von „Ästhetik“ - „Baukultur in der Zwischenstadt“ - „Arbeit an den Objekten“ (Zitate) gesprochen wird, soll das wohl heißen, dass die Aufgabe der Stadtplanung sich reduziert vor allem auf - strukturell gesehen - eine kosmetische Aufbereitung durch die Betreuung der Einzelkomponenten, also der Bauwerke und Ensembles im System. Damit wird die eigentliche städtebauliche Planung im Prinzip überflüssig.

Grundsätzlich müßte die Frage explizit diskutiert werden, ob es richtig ist, dass ein spezielles Siedlungsmodell globalisiert werden sollte: denn was in einer boomenden Region, in einer Gesellschaft mit hoher Geburtenrate und einer ausgeprägten Landflucht sich als richtig oder unvermeidbar erweist, könnte in den teilweise schrumpfenden Gesellschaften Mitteleuropas möglicherweise vermieden werden. Konkret: Wenn in Shanghai, Mumbay, Lagos, Las Vegas, Sao Paulo die „Zwischenstadt“ notwendig und nicht zu vermeiden ist, muss man dann in Krakau, Florenz, Heidelberg, Perigueux, Salamanca derartiges geschehen lassen oder sollte dort nicht wenigstens versucht werden, Konzepte zu entwickeln, die es erlauben, auch neue, moderne Funktionen mit zum Teil ungewohnten Dimensionen in ein verständliches städtebauliches Gesamtsystem zu integrieren?

Eine Anmerkung in diesem Zusammenhang: Generell - nicht nur in Bezug auf die „Zwischenstadt“ - wäre es sinnvoll und wohl auch erforderlich, daß in der Diskussion um städtebauliche Probleme eine konsequentere Differenzierung zwischen aktiver städtebaulicher Planung im Rahmen eines Gesamtkonzeptes einerseits und der Selbstentwicklung städtebaulicher Strukturen einschließlich isolierter städtebaulicher, auch „bauamtlicher“ Einzelentscheidungen andererseits praktiziert würde.


Christian Grund
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